:: Vermischtes ::


Eine nicht ganz ernst gemeinte Geschichte über Qualitätsmanagement nach ISO 9001 ;-)

Es begann damit, dass am Sonntagmorgen keine Butter mehr im Kühlschrank war. Die Brötchen lagen zwar vor der Tür und Honig war auch da, aber Honigbrötchen ohne Butter schmecken nicht. Meine Frau isst keine Butter. Sie frühstückt lieber Naturjoghurt. Naturjoghurt ist immer da.

Ich hätte diesen Vorfall wahrscheinlich im Laufe der Woche vergessen, wenn ich nicht zufällig am nächsten Tag in einem Vortrag über Qualitätsmanagement das Wort “Lagerausbuchung“ vernommen hätte. Plötzlich machte es “Klick“ und ich musste wieder an die Butter denken.

Das war die Lösung. Um Situationen wie die am Vortag zu vermeiden, half nur die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems in unserem Haushalt. Mit klaren Prozessabläufen und messbaren Erfolgskontrollen. Ein perfektes System, in dem fehlende Butter, einzelne Socken oder wochenlang in der Wäsche verschwundene Lieblings-T-Shirts nicht mehr vorkommen konnten. Der Gedanke versetzte mich in Hochstimmung.

Meine Frau zeigte den erwarteten Widerstand. Meist sperren sich ja diejenigen gegen Neuerungen, die später am meisten davon profitieren. Mein nachdrückliches Beharren auf der Einführung gewisser, überprüfbarer Qualitätsstandards ließen ihren Widerstand jedoch erlahmen und sie darin einwilligen, meinen Vorschlag in die Tat umzusetzen. Die schwerste Hürde war damit genommen. Nun galt es, Funktionsbereiche unseres Haushalts zu identifizieren und Prozesse festzulegen. Um es vorwegzunehmen: die fehlende Butter war nicht etwa ein Beschaffungsproblem, sondern Konsequenz nicht vorhandener Lagerprozesse. Es hatte an einer Lagerausbuchungsliste gefehlt, die beim Anbrechen des letzten Päckchen Butters automatisch eine Information ausgelöst hätte, Butter zu beschaffen.

Jeder Bereich wurde jetzt mit Leben gefüllt. Im Bereich “Instandhaltung“ entstanden Inventarlisten mit neunstelligen Teilenummem aller Wäschestücke. Wie bei McDonalds hängten wir in Bad und Gäste-WC eine Liste aus, die über den Zeitpunkt der letzten durchgeführten Reinigung Auskunft gab -erweitert um Art und Dauer der Benutzung, um bei eventuellen Verunreinigungen den Verursacher zu identifizieren.

Wir scheuten keine Investitionen. PC‘s wurden angeschafft und miteinander vernetzt, um über eine SAP-Abfrage jederzeit darüber Auskunft zu geben, ob sich etwa eine Jeans im Kleiderschrank, in der Wäsche oder bereits beim Bügeln befand. Dabei stellte sich heraus, daß die durchschnittliche Umlaufzeit für eine Unterhose siebzehn Tage betrug - und das bei täglichem Wechsel. In der Zieldokumentation legten wir fest, diesen Wert auf unter zehn Tage zu drücken.

Unser Kühlschrank wurde nach dem First-ln/ First-Out-System organisiert. Dadurch sollten unliebsame Überraschungen in Form von abgelaufenen Joghurts oder vergammelten Käsestücken vermieden werden. Die Haltbarkeitsdaten aller verderblichen Lebensmittel wurden zentral erfasst. Jeden Morgen konnte so ein Report im System generiert werden, aus dem hervorging, welche Lebensmittel ablaufen würden.

Auch die emotionalen Aspekte kamen nicht zu kurz. Lob, Umarmungen und der Austausch angemessener Zärtlichkeiten wurden penibel dokumentiert. Und da ein befriedigendes Sexualleben sich nachweislich positiv auf die Grundstimmung im Haushalt auswirkt, wurden auch hier Standards festgesetzt, deren Einhaltung jederzeit auf einer im Schlafzimmer aushängenden Liste kontrolliert werden konnte. Nach mehrmonatiger Implementierung konnte endlich der Tag der Zertifizierung kommen. Zwei TÜV-Prüfer hielten sich eineinhalb Tage in unserem Haushalt auf. Überprüften, ob unsere Bestandslisten von Schränken mit dem tatsächlichen Inhalt übereinstimmten, beobachteten meine Frau beim Bügeln, während sie die dazu angefertigte Dokumentation verglichen, kontrollierten unsere Mülltrennung und ließen sich die Entwicklung der Schulnoten unserer Kinder zeigen. Nach einem einstündigem Abschlussgespräch, bei dem einige kleinere Abweichungen - wie beispielsweise die fehlende Angabe über minimale Kalorien und Broteinheiten eines Mittagessens - beanstandet wurden, bekamen wir endlich die ersehnte Urkunde überreicht.

Die gelungene Zertifizierung als erster bundesdeutscher Haushalt nach ISO 9001 feierten wir bei einer Flasche Rotwein - Qualitätswein mit Prädikat! Nach der überstandenen Aufregung war meine Frau sichtlich erschöpft. “Wieso hat man so was wie Qualitätsmanagement überhaupt eingeführt?“ fragte sie mich, während sie sich zum dritten Mal ihr Glas füllte.

“Das habe ich dir doch schon gesagt“, antwortete ich, “die Leistung einer Firma oder eines Haushalts, soll eben nicht von einzelnen Personen und damit von Zufällen abhängig sein, sondern in Prozessen dokumentiert und damit abgesichert sein, damit sie jederzeit - auch bei Personalwechseln - gleich bleibend erbracht werden kann.“

“Du meinst also,“ sagte sie, “jemand anders müsste nur die Dokumentation lesen und unser Haushalt würde trotzdem genauso weiterfunktionieren?“

“Im Prinzip ja.“

“Dann probier‘ das doch mal aus.“ Sie stand auf, nahm ihre Autoschlüssel von der Wand - ohne dies in die Liste einzutragen - und verließ das Haus. Letzte Woche ist sie mit den Kindern ausgezogen. Ich verstehe das nicht. Gerade jetzt, wo die Implementierungsphase vorbei ist und das ganze System nur noch angewandt werden muss.

Na ja, wenigstens ist jetzt immer Butter im Kühlschrank.